Reisebericht von Jana Schneeberger Januar 2017

Senegal – 6. Januar bis 20. Februar 2017

 Ich bin wieder zurück! 45 Tage Senegal liegen hinter mir und ich weiss nicht, wo ich anfangen soll zu erzählen. Am 6. Januar 2017 sind wir – Ute und ich – in Zürich gestartet mit je zwei Koffer à haargenau 23kg, je einem Handgepäckkoffer und je einem Rucksack. Nach einem Zwischenstopp von 4h in Madrid kamen wir abends um 22 Uhr in Dakar an. Auf dem Flughafen in Dakar gings sehr lebhaft zu und her und nach Polizeikontrolle (Blick «was-um-alles-in-der-Welt-machst-du-6-Wochen-alleine-hier?!»), Geld wechseln (500 Euro sind 325’000 CFA, also ein Riesenstapel Banknoten), nach einem klapprigen Wagen fürs Gepäck suchen und schlussendlich das Gepäck abwarten mit gefühlt allen Menschen dieser Welt machten wir uns auf die Suche nach einem Taxi. Ich war froh darum, mich fürs Erste um nichts kümmern zu müssen und einfach hinterherlaufen zu können. Angekommen im Hotel fielen wir dann ziemlich schnell ins Bett. Am ersten Tag in Senegal lernte ich Malick, Ute’s Projektpartner kennen und wir besuchten eine Familie in Dakar, deren Sohn (Cheikh) mit seiner Familie in Liechtenstein wohnt. Mein erstes senegalesisches Essen war Cee bu Jen, das Nationalgericht bestehend aus Reis, Gemüse und grilliertem Fisch, und so unglaublich lecker, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu essen. Das Essen wird in riesigen Schüsseln auf dem Boden serviert und dann nehmen sich alle, worauf sie gerade Lust haben ins eigene Eckchen. Manche essen mit den Händen, ich hab’s einmal ausprobiert und mich dann für den Löffel entschieden. Als ich mich in den «Salon» gerollt habe gabs Attaya, Tee mit dem Geschmack von Pfefferminzbonbons (ich behaupte immer noch, dass er mehr Zucker als Wasser beinhaltet) und Ndeye, meine Gastschwester erklärte mir die ganze Familie und wie sie alle zusammenhängen. Ich lernte sehr schnell, dass senegalesische Familien typischerweise bereits durch die eigenen Kindern zahlreich sind und dann meistens aber auch noch die Cousins und Cousinen mit in einem Haus wohnen oder zumindest häufig (sehr häufig) zu Besuch sind. Der ganze Trubel war mir von Anfang an sympathisch und auch, dass wir zu keiner Sekunde als Fremde oder als «Gäste» wahrgenommen wurden, sondern sofort zur Familie dazugehörten. Wird man in Senegal zum Mittagessen eingeladen, bedeutet das, dass man den ganzen Tag bleibt und so verflog der erste Tag!

Am nächsten Morgen um 4 Uhr gings weiter mit dem «sept-place» nach Ndioum, einer kleiner Stadt im Norden. Wie der Name schon sagt, sind diese Sammeltaxis umgebaute alte Klapperkisten, in denen mit dem Fahrer acht Leute Platz haben (Platz ist dabei vielleicht etwas übertrieben ausgedrückt) und das Gepäck auf dem Dach mittransportiert wird. Angekommen in Ndioum lernte ich meine Gastfamilie – Yaye Sy und Amadou Ndiaye mit ihren fünf Kindern kennen. Sie wohnen in der grössten und pompösesten Villa der ganzen Stadt und ich konnte mich zum Eingewöhnen in Senegal über den Luxus eines grossen Zimmers mit eigenem Bad und damit ein bisschen Privatsphäre freuen. Zum Essen gabs – ÜBERRASCHUNG – Reis! Reis und Zwiebel- Gewürz-Sauce gab es grundsätzlich jeden Tag mittags und abends. Malick organisierte mir gleich eine senegalesische Handynummer. Ich wurde auf den Namen Madina Ndiaye getauft, welches dann sozusagen mein afrikanischer Name wurde. Mit dem Einleben hatte ich – auf mich alleine gestellt in Ndioum – meine Mühe; es gab drei Hausmädchen und einige arme Kinder, die sich ihr Essen damit verdienten, täglich für Ordnung rund ums Haus zu sorgen, meine Gasteltern arbeiteten den ganzen Tag und alles, was ich machte, wurde genau beobachtet und schien sehr amüsant zu sein. Ich merkte schnell, dass dieses Lachen alles andere als böse gemeint war und meine Kultur und Lebensweise für sie genauso fremd war wie ihre für mich. Im Nachhinein gesehen war diese Zeit der perfekte Einstieg ins senegalesische Leben: die Menschen machen aus Gastfreundlichkeit alle möglichen Angebote und Anfragen über Essen («il faut bien manger» war ein Satz, der mich zum Schluss fast in den Traum verfolgt hat), Geschenke, Geld, Kontaktdaten, Beziehungs- oder Hochzeitsideen etc. Ich musste demnach sehr schnell lernen, Nein zu sagen und mich nicht dafür zu rechtfertigen. Andererseits profitierte ich auch sehr davon, da ich mir keine Gedanken um Kost und Logis machen musste und viel Zeit mit einheimischen Familien anstatt in Hotels und Restaurants verbringen konnte. Es dauerte jedoch eine Weile, bis ich einen entspannten Umgang mit dieser mir bisher noch unbekannten Art fand und nicht mehr alles so ernst nahm. Ich denke, gelassen zu sein und alles mit viel Humor war der Schlüssel zu den ganzen freundlichen Begegnungen, interessanten Gespräche und positiven Erlebnissen. Immer wieder war ich dankbar dafür, mir für alles genügend Zeit nehmen zu können und die Chance zu haben, einfach ungebremst und ohne konkrete Aufgabe vollkommen in die Kultur eintauchen und mich mitziehen lassen zu können. Dazu kam auch, dass ich mich schnell daran gewöhnte, als Weisse immer besonders behandelt zu werden, was mir anfangs sehr unangenehm war.

Zurück zur ersten Woche: Ute zeigte mir ihre verschiedenen Projekte und stellte mich überall vor. Wir besuchten ein Collège in Ndioum, bei dem mit dem Bau von Klassenzimmern und einem Lehrerzimmer gute – für mich bisher selbstverständliche – Grundlagen für einen gelingenden Unterricht geschaffen wurden. Kommt jemand zu Besuch ist es von den Primarschülern bis zu den Gymnasiasten üblich, dass die ganze Klasse zur Begrüssung aufsteht und im Chor «bonjour madame / monsieur» schreit und sich mit einem «merci madame / monsieur» wieder setzt. Ich wurde auch in den Lehrerteams sehr herzlich willkommen geheissen und alle schienen mich sofort einbinden zu wollen. Mein Ziel war es, mit den Schülern ein kleines kreatives Projekt zu machen, ich wollte aber offen sein für ihre Ideen. So ging ich in den darauffolgenden Tagen wieder zum Collège und besuchte einzelne Unterrichtsstunden, um Eindrücke zu gewinnen und mich in den Ablauf einzugewöhnen. Zum Teil sind um die 60 Schüler in nur einer Klasse! Die anfängliche Euphorie verflachte zu meiner Verwunderung (wie sich später herausstellte ganz typisch für Senegal) sehr schnell. Ute erklärte mir mehrmals, dass oftmals in Tönen geredet wird, als ob sie jeden Tag die Welt retten würden und schlussendlich (ich denke, dass Schweizer dazu neigen, eher zurückhaltend und bescheiden von den eigenen Möglichkeiten und Visionen zu berichten) war dann eher das Gegenteil der Fall war. Meine späteren Erfahrungen bestätigten dann dieses «Schwärmen von sich selbst und den eigenen tollen Ideen», dem leider nur selten Folge geleistet wurde. Sehr viel wurde diese Haltung dann damit gerechtfertigt, dass sie darauf warten würden, bis Gott ihnen den richtigen Weg zeige. Mehr «Schein als Sein» also. Möglicherweise etwas komische Parallelen, aber dies fiel mir immer wieder in verschiedensten Sachen auf: Senegalesinnen legen sehr viel wert darauf, gepflegt und hübsch gekleidet aus dem Haus zu gehen (auch wenn sie nur kurz zum Markt gehen); «mein Palast» hatte nur an der vorderen Seite eine schöne Fassade, hinten wars ganz einfach verputzt und im Haus funktionierten etliche Einrichtungen wie beispielsweise die Toilettenspülung nicht; überall lief der «Cup Africain» im TV und es war extrem wichtig, dass die Männer zu dieser Zeit ungestört Fussball schauen konnten, während den Spielen haben sie dann aber die ganze Zeit miteinander diskutiert; Höflichkeiten sind sehr wichtig und oftmals bestehen stundenlange Gespräche einfach nur daraus, sich nach der Familie zu erkunden; in der Schule wird alles nur auswendig gelernt, was man spätestens bei genauerem Nachfragen herausfindet etc.

In der Woche bis zu Utes Abreise wurden wir einige Male zur Familie von Malicks Bruder zum Essen eingeladen, was in Senegal – wie bereits erwähnt – «on passe la journée» bedeutet. Besonders die Kinder der Familie wuchsen mir sehr ans Herz und ich versuchte auch später immer wieder, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen oder mit ihnen im Hof etwas Kreatives zu unternehmen – die einzigen Mittel dafür waren Holzkohlereste, jede Menge Sand und ein paar Steinchen. Mich schockierte immer wieder, wie wenig Ideen und Neugier die Kinder hier allgemein hatten. Hausaufgabenhilfe sah demnach so aus, dass wir mit Holzkohleresten Matheübungen oder Diktate auf eine Mauer schrieben. Zum ersten Mal habe ich gesehen, dass es nicht selbstverständlich ist, Papier und Kulli zu haben. Eine andere Familie lernte ich kennen, da sie mich mit «Toubab» (bedeutet «Weisse») zu sich riefen und wir dann einen ganzen Nachmittag erzählten und viele Fotos machten. Aminata, die älteste der Schwestern machte mir dann meine ersten eng geflochtenen (und ich behaupte die weltweit schönsten) Zöpfe. Ich lernte übrigens beinahe alle Leute auf diese Weise kennen und da ich keinen Stress hatte, oftmals gerade zum Tee zu bleiben dauerte es nicht lange, bis das ganze Dorf mich mit «Bonjour Madina, comment vas-tu?» Und «Viens-là, Madina!» ansprach. Trotz den vielen Bekanntschaften blieben meine Gastfamilie, die Nachbarn und diese zwei Familien über die ganze Zeit etwas ganz Besonders für mich und wir blieben auch nach meiner Weiterreise stets in Kontakt – telefonisch über «Merci de me rapeler»-Nachrichten, da niemand ausser mir einen Kredit auf dem Handy zu haben schien.

Ein anderes Projekt war die Verbesserung der Infrastrukturen der Primarschule und des Collège sowie der Aufbau einer Gesundheitsstation in Alwar, einem kleinen Dorf unweit von Ndioum. Zu Oumou, der Krankenschwester (sie war von der Pflege von Verletzungen über Gesundheitsprävention bis hin zu Geburten für ALLES zuständig) hatte ich sehr schnell einen guten Draht und ich besuchte sie und die anderen Dorfbewohner mehrmals während der ersten drei Wochen. Das Leben in Alwar erinnerte mich an ein Klassenlager in den Bergen; die Dusche bestand aus einem Kübel Wasser und die Toilette aus einem Loch im Boden. Man ass gemeinsam und sass abends vor einem kleinen alten TV, um senegalesische Serien à la «Rosamunde Pilcher» zu sehen. Fernsehen in Alwar war ein bisschen wie Reisen in eine andere Welt, da viele der Bewohner das Dorf das ganze Leben nie verliessen. Eines Abends wurde für eine Pizzeria Werbung gemacht und eine junge Frau fragte mich, ob ich das kennen würde und ob das ein Kuchen wäre. Trotz oder wahrscheinlich gerade wegen der Abgeschiedenheit dieses Ortes war es sehr gemütlich und ruhig und der Umgang unter den Menschen unbeschreiblich wohlwollend. Oftmals dachte ich mir, dass ich hier noch einiges lernen kann…

Die weitere Zeit in Ndioum konnte ich dann im Englischunterricht assistieren. Obwohl ich das gerne machte, war es nicht das Ziel meiner Reise und ausserdem fühlte ich mich unterqualifiziert (Unterrichten ist nicht Teil von meinem Sozialarbeitsstudium). Einerseits um für mich persönlich viel von der Reise mitnehmen zu können und andererseits weil mich allgemein das Reisefieber packte, entschied ich mich für die Weiterreise nach Saint Louis.

Abschiede werden für mich wohl immer eine grosse Herausforderung bleiben… Zum Glück wurde dieses Nostalgiegefühl von der Vorfreude meiner nächsten Destination etwas abgeschwächt. Ich konnte es kaum erwarten, mal etwas Ruhe, ein bisschen Hotelkomfort und allem voran nach 3 Wochen endlich mal wieder WIFI zu haben! Den gesamten ersten Tag verbrachte ich abgekapselt in meinem Zimmer; Cola trinkend habe ich die 332 Whatsapp-Nachrichten beantwortet und meine Haare von den eng geflochtenen Zöpfen befreit. Für den nächsten Tag verabredete ich mich mit Cheikh, Oumous Bruder, weil mich seine Familie zum Mittagessen eingeladen hat. Wir verstanden uns auf Anhieb super und die Tage in Saint Louis vergingen sehr schnell, sodass ich noch eine Nacht im Haus seines Cousins anhängte. Die ganze Familie war sehr offen und mit Cheikh konnte ich endlich alle bei mir angestauten Fragen diskutieren und bekam dadurch weitere, völlig neue Eindrücke der senegalesischen Kultur. Wir nutzten die gute Internetverbindung, um für Carla zum 18 Geburtstag «bés bu dellusi moo neex» (Happy Birthday in Wolof) zu singen und verbrachten sonst viel Zeit mit Tee trinken, im Salon rumzuhängen und zu plaudern. Saint Louis fand ich eine grossartige Stadt! Sie war typisch senegalesisch lebhaft und chaotisch. Das Leben der Menschen schien sich auf den Strassen und in den Gassen abzuspielen, wo herumrennende Kinder, Tischfussball angefressene Jungs, Mädchen in Schuluniformen, Tee trinkende oder betende ältere Männer, Ziegen, Schafe, Pferde, ein Pelikan (er hielt sich selbst für ein Schaf, weil er von klein auf mit ihnen gehalten wurde), Autos, Motorräder, Busse und Charettes aufeinandertrafen. Am Strassenrand wurde Wäsche aufgehängt, Beignets oder Fataya neben einem Riesensortiment an Früchten und Gemüse verkauft, Fischernetze repariert und vor allem viel geplaudert. Die Stadt liegt zwischen Fluss und Meer und hat durch den Einfluss des Kolonialismus sehr viel französischen Charme.

 Cheikh und sein Cousin brachten mich zum «Gare routière», einem wieder einmal lustigen Platz. Die Parkplätze sind mit den jeweiligen Destinationen gekennzeichnet und die Autos fahren ab, sobald alle Plätze besetzt. Der Abschied fiel mir dann viel schwerer als erwartet – wahrscheinlich unter anderem auch, weil ich nicht wusste, wie meine weitere Reise aussehen würde. Ich sagte demnach nicht viel im Auto und hatte beim letzten Stopp in Dakar keine Ahnung, wo ich mich befand geschweige denn kannte ich die anderen Leute. Glücklicherweise traf ich auf einen netten, französisch sprechenden jungen Zivilpolizisten, wie sich später herausstellte, der in die gleiche Richtung musste. Er organisierte ein Taxi zu einem angemessenen Preis (ohne Zuschlag für Weisse) und telefonierte mit meinem Handy, um in Wolof zwischen Ndeye und dem Taxi-Chauffeur einen Treffpunkt abzumachen. Da stand ich dann also mit meinen zwei Koffern, völlig erschlagen und irgendwo mitten in Dakar in der Hoffnung, Ndeye würde mich finden. Der Empfang in der Familie war wieder sehr freundlich und im Salon sassen zahlreiche unbekannte Gesichter, die alle auf irgendeinem Weg zur Familie gehörten und ich aber noch nie gesehen habe. Ich konnte bei Ndeye im Zimmer schlafen und hatte somit ein bisschen Privatsphäre. Sie kümmerte sich die ganze Zeit sehr gut um mich und am nächsten Tag besuchten wir die «Île de Gorrée». Das erste Mal, dass ich mit Korruption in Verbindung kam, da ich blöderweise meinen Pass vergessen hatte und «es doch eigentlich selbstverständlich ist, dass man sich bei einer Bootsfahrt ausweisen muss». Nach längerer Diskussion steckte ihm Ndeye’s      
Freund 1000 CFA zu und es war plötzlich nicht mehr von Interesse, wer ich war. Die Sklaveninsel gefiel mir sehr gut mit den vielen alten Gebäuden, dem wunderschönen Strand, klarem Wasser und der alternativen, künstlerischen Atmosphäre. Am Sonntag wollten wir eigentlich noch eine weitere Touristenattraktion besuchen, dann dauerte das Zöpfe flechten aber länger wie erwartet. Gut, spielt Zeit keine Rolle und so verblieben wir dann den ganzen Tag im Wohnzimmer und ich wurde von 10 Uhr morgens bis 18 Uhr nachmittags gequält!

Mit neuer Frisur reiste ich dann am nächsten Tag nach Mbour, wo ich eine Woche Freiwilligenarbeit im Pouponnière, einem sehr interessanten Projekt geplant habe. Da angekommen, fühlte sich niemand wirklich verantwortlich für mich und ich suchte nach einer Person, die mir wenigstens die Räumlichkeiten und meine Unterkunft zeigt. Das Pouponnière wurde von einer französischen Organisation gegründet und kümmert sich um Kinder von 0 bis 12 Jahren. Aus verschiedenen Gründen können sie nicht mehr zuhause wohnen, in vielen Fällen weil die Mutter die Geburt nicht überlebt hat. Am ersten Tag hatte ich den Eindruck, ich würde mich in einer Sammlung von Kindern befinden, wie in einem Zoo oder Museum. Das traurige Schicksal dieser unschuldigen Wesen und wie verantwortungslos mit ihren Bindungsgefühlen umgegangen wurde machte mich sprachlos. Die Organisation wusste ausser meinem Namen nichts über mich und trotzdem durfte ich eine Woche unbeaufsichtigt Kinder füttern, wickeln, mit ihnen spazieren oder etwas spielen gehen. Das Projekt interessierte mich für Recherchen für eine Studienarbeit zum Thema «Volontourismus» und ich war von Anfang an sehr kritisch eingestellt. Dass es «geleitete Touristentouren» gab, bei denen Interessierte durch die Zimmer schlenderten und Kinder aus den Betten zogen, um sie 5 Minuten später wieder schreiend zurückzulegen, übertraf aber meine Erwartungen. Und trotz allem wusste ich, dass die Kinder durch die Organisation davor gerettet wurden, auf der Strasse aufwachsen zu müssen. Am letzten Wochenende verabredete ich mich mit den «Tatas», den Pflegerinnen, für den Nachtdienst. Es ging darum, kleinen neugeborenen Babys Milch zu geben, wenn sie nicht schlafen konnten und sie so lange hin- und herzuwiegen, bis sie wieder einschliefen. Ich war die ganze Nacht den Tränen nahe beim Anblick der kleinen Babys, die niemals von den gleichen Personen getröstet werden, geschweige denn von den eigenen Eltern.

In Mbour lebte ich für 10 Euro die Woche gemeinsam mit 15 französischen Freiwilligen in einem grossen Haus. Ich fühlte mich nicht wirklich wohl und verbrachte neben der Arbeit viel Zeit mit Familien, denen ich auf der Strasse begegnet bin. Auch hier war ich wieder begeistert von der Gastfreundschaft der Senegalesen! Ich war viel mit Babacar unterwegs, den ich durch seine Tante kennenlernte, die mich in Pular ansprach und überrascht war, als ich – ebenfalls in Pular – antworten konnte.  Ich war froh um seine Begleitung, da Mbour etwas speziell, wenn nicht sehr versaut war im Umgang mit Weissen. Da Saly (eine Feriendestination gerade neben Mbour) bekannt ist für Sextourismus war ich darüber auch nicht überrascht. Für mich bleibt diese gegenseitige Beeinflussung einfach sehr fragwürdig, da die Europäer das «wahre Leben» in Senegal nicht kennenlernen können und die Senegalesen sich ein völlig falsches Bild Europas zusammenspinnen.

Die gesamte Woche brachte mir bereichernde wenn auch herzzerreissende Erfahrungen und schlussendlich war ich froh, dass meine Reise weiterging. Die Zeit zusammen mit den Kindern ging mir zu nahe …

Mein nächster Aufenthaltsort fand ich über die Seite «workaway», die mich letzten Sommer schon nach Frankreich brachte. Laut Beschrieb handelte es sich um eine junge italienische Künstlerin, die versucht, nachhaltigen Tourismus aufzubauen. Per Mail informierte sie mich bereits, dass die workaway-Stelle besetzt ist und so entschied ich mich, als «Gast» und «Touristin» das Fischerdorf Toubab Dialaw zu besuchen. Und der erste Eindruck war überwältigend! Ich befand mich im Paradies; dass mir das Hausmädchen zum Frühstück eine frisch gepflückte Passionsfrucht brachte und ich danach 2h an einem weissen Sandstrand am wilden und klaren Atlantik entlang spazieren konnte vergrösserte mein Glücksgefühl ins Unendliche!
Das Städtchen war sehr sympathisch, alles voller Farben von überall her konnte man Leute Tamtam spielen hören. Hier sah ich auch zum ersten Mal Kinder auf der Strasse, die miteinander tanzten und in den Sand zeichneten. Von Toubab Dialaw aus plante ich einige Ausflüge und war dankbar für meine bereits gemachten Reiseerfahrungen, weil das Dorf wirklich äusserst abgelegen war und ich beispielsweise für den «Lac Rose» viermal das Sammeltaxi wechseln musste. Ich wusste dabei weder, wo ich mich befand, wo ich aussteigen musste und wer die anderen Menschen im Taxi waren, noch wieviel es kosten oder wie lange die Fahrt dauern würde. «Eine Fahrt ins Blaue» beschrieb meine Situation noch nie so gut! Schlussendlich wurde ich damit belohnt, dass ich nur 2’500 anstatt 10’000 CFA ausgeben musste und viele nette Menschen kennenlernte. Und ziemlich stolz war ich
auch! Ein anderer Ausflug brachte mich nach Popenguine, sozusagen der Hochburg der Christen, wo ich das erste und einzige Mal während meiner Reise im Meer badete. Und obwohl ich diese paar touristischen Tage für mich alleine genoss, freute ich mich schon sehr darauf, die Familie in Dakar zu sehen und für die letzten Tage vor der Abreise nochmal ins senegalesische Leben einzutauchen.

Mit meinem Riesenkoffer geladen mit künstlerischen Souvenirs für Zuhause kam ich zurück nach Dakar, wo wieder einmal ein Haus voller mir unbekannter Gesichter wartete. Ndeye organisierte für die nächsten Tage Ausflüge zum «Monument de la Renaissance» und «Place du Souvenir». Ich bin kein grosser Fan dieser für Touristen gemachten Sehenswürdigkeiten, allerdings lernte ich dadurch noch andere Teile der Stadt kennen. Ansonsten kochte ich gemeinsam mit den Frauen in der Hoffnung von «learning by doing» und hängte viel mit den Jungs – u.a. meinem «Ehemann» – rum. Und wir machten, wie hier so üblich, NICHTS. Am letzten Tag vor meiner Abreise besuchten wir auf meinen Wunsch hin den «Marché de Sandaga», um die Marktatmosphäre noch ein letztes Mal zu erleben und vieeele Kleider für Ndeye zu kaufen. Die Suche nach einer Poststelle, die weiss, dass man Postkarten verschicken kann («Bei euch gibt es Postadressen? Und dann kommen diese Karten wirklich bei diesen Leuten an?!») blieb erfolglos und so musste ich diese nach meiner Rückreise in Liechtenstein aufgeben.

Nachdem ich alle meine Sachen verteilt, die Koffer mit exotischen Früchten wieder gefüllt habe, fuhren wir zum Flughafen und verabschiedeten uns. Einerseits fiel es mir schwer, andererseits freute ich mich auf zuhause, auf meine Familie und Freunde, auf das Trinkwasser, eine warme Dusche und eine Waschmaschine. Mein Herz strahlt vor Glück in Erinnerung an die zahlreichen Erlebnisse, Begegnungen, Eindrücke dieses grossartigen Landes! Jeden Tag wusste ich, dass ich genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und ich konnte durch die Menschen und das Leben in Senegal sehr viel lernen und persönlich wachsen.
ADJARAMA – JEREJEF – MERCI, dank den wundervollen Menschen in Senegal konnte ich während sechs Wochen alleine reisen, ohne mich jemals einsam zu fühlen!

Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal bei Ute Wild (www.teranga.li) bedanken, für die tolle Vorbereitung und Unterstützung während der Reise. Und natürlich für unsere langen wertvollen Gespräche, für dein Vertrauen und dafür, dass alles so unkompliziert war!

Ausserdem ein herzliches Dankeschön an alle Freunde, die mit Sachspenden sehr viele Menschen glücklich gemacht haben.

An Malick, Yaye Sy, Sahla, Aminata, Mariam, Oumou, Cheikh, Ndeye, Baye, Modou und Babacar, die mir in ganz besonderer Erinnerung bleiben werden.

Ich danke meiner Familie, dass ihr mich trotz all meiner möglichen und unmöglichen Ideen immer unterstützt; Vertrauen habt, mich bestärkt und (mehr oder weniger!) entspannt bleibt.

Als kleine Zugabe, für alle noch nicht «Lesemüden», möchte ich eine Liste (unverändert) aus meinem Reisetagebuch anfügen. Es sind Sachen, die mir besonders aufgefallen sind während meiner Reise und ich als «typisch senegalesisch» nennen würde.

Sachen, die mir in Senegal auffallen:

  •  wenn es in einem Haus eine Uhr gibt, funktioniert sie nicht!
  • Inschallah; Pläne werden hier keine gemacht, man lebt von einem Tag in den anderen und träumt grosse Träume
  • auf Fotos muss man aussehen wie ein Straffälliger (Lachen immer erlaubt ausser auf Fotos)
  • auch Armbanduhren funktionieren nicht
  • il faut bien manger!
  • Zwiebeln werden grundsätzlich in 10kg-Säcken verkauft
  • alle säubern vor dem Haus aber niemand kommt auf die Idee, Mülleimer aufzustellen
  • nicht mal die Uhren auf den Handys sind richtig eingestellt!
  • «strahlst du in die Welt, strahlt sie zurück!»
  • Eure Madina      Ndiaye (in Ndioum), Tall (in Alwar), Niass (in Saint Louis), Gueye (in Dakar), Diop (in Mbour)